Warum wir auch ohne Blogs, Wikis und Soziale Netze überleben (müssen!). Ein Plädoyer für eine Rückkehr zum Web 1.0 beta


„Infomanie“ – der Drang, sich ständig auf dem Laufenden zu halten – ähnele einer Sucht mit massiven Auswirkungen, behaupten britische Psychologen. E-Mails und SMS austauschend verblödeten Menschen regelrecht. Die negativen Einflüsse auf das Gehirn seien „stärker als bei Marijuana“.
(Spiegel v. 23.4.2005, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,352825,00.html, letzter Aufruf 9.5.2010)

Ein doch vernichtendes Urteil über die Errungenschaften des Web – um genau zu sein des Web 1.0. War doch vor fünf Jahren Web 2.0 noch niemandem ein Begriff, facebook gerade mal 1 Jahr alt und blogging noch wirklich etwas für Spezialisten! Wie würde das Urteil heute ausfallen? Gehört es doch heute zum guten Ton, einen eigenen Blog zu unterhalten und die Außenwelt über die Statusfunktion der Sozialen Netze damit zu quälen, was man gerade tut (statusing). Und wenn man selbst nicht in der Lage ist, die neuesten PodCasts seiner Universität mobil und online auf dem IPod zu bewundern, grenzt das doch bereits an einen Grund für gesellschaftliche Ausgrenzung.

Ich möchte an dieser Stelle die provokante Frage, inwiefern jedermann und jedefrau Gelegenheit haben müssen, sich selbst via Blogs und Soziale Netze im Netz zu profilieren, lieber im Raum stehen lassen. Es sei betont, dass es um keine sozialdarwinistische Filterung des Web geht! Es muss allerdings die Frage erlaubt sein, ob nicht ein bestimmter Anteil der ungeheuren Datenmengen nicht schlichtweg überflüssig ist. Mich persönlich interessierte es durchaus noch, via StudiVZ alte Freunde wiederzufinden – facebook stellte hier eine folgerichtige Erweiterung dar, um den universitären Elfenbeinturm zu verlassen. Logge ich mich heute in facebook ein, werde ich von einer Flut an Informationen überrollt, welche – mit Verlaub – die Welt nicht braucht: Wer mit wem (befreundet ist), wer welches (meist sinnfreie) Quiz gemacht hat und wer last but very least der Welt noch mitteilen muss, wo und bei welcher Tätigkeit er oder sie sich gerade befindet oder befinden!

Falls den aufmerksamen Leser die Frage quält, warum der Autor dieses Beitrags das Web 2.0 verreißt und hierzu einen Blog benutzt: Er ist selbst avon abhängig, um die Nomenklatur des Spiegels zu verwenden. Es ist eine Abhängigkeit, welche es kritisch zu reflektieren aber durchaus an der Zeit ist. Heute abend sah ich mir einen Krimi aus den frühen 1990er Jahren an; eine Zeit, in der es noch keine Handys gab und die Polizei mit Autotelefonen hantierte. Manchmal sehne ich mich nach der zeit zurück, als ich nicht manisch nach Informationen heischte. Zwei Wochen Urlaub und ein einziges Mail von der (damals noch gelben) Telefonzelle die Freundin angerufen. Sonst nichts und niemanden mitgekriegt – traumhaft! Lässt der Begriff der Infomanie doch offen, ob der aktivisch oder passivisch gemeint ist! Sind es doch teils auch mittlerweile die Informationen selbst, die sich wie Wasser in Felsspalten ihren Weg suchen. Ausreichend Kanäle stehen ihnen doch zur Verfügung!

Sind diese Zeilen somit als ein Plädoyer für eine Rückkehr ins analoge Zeitalter zu verstehen? Wahrlich nein! Auch ich sehne mich danach, in dringenden Fällen über ein Handy zu verfügen und komfortabel im Zug zu telefonieren. auch ich verwende lieber das Internet als BTX – was vermutlich den meisten ohnehin kein Begriff sein wird, handelte es sich doch um ein BildschirmTeXt-Angebot der Deutschen Bundespost, welches Online-Banking und Angebote  namhafter Wirtschaftsunternehmen bereithielt. Etwas weniger Web 2.0 und dafür etwas mehr 1.0 oder sogar 0.x würde der ohnehin gehetzten Gesellschaft zweifelsohne guttun. Denke ich an meine erste V90 Internetverbindung (das waren 56 KBit/s analog, in etwa 1% der heutigen Bandbreite) und das erste Siemens S10 Handy (Größe Feldfunktelefon), so war ich doch mehr als zufrieden. Mails verschicken, wichtige Telefonate erledigen, im Netz surfen und einige wenige SMSen / Monat absenden.

Die Menschheit kam bis vor etwas mehr als 100 Jahren ohne jegliche Form der elektronischen Kommunikation aus. Daher scheint es an der Zeit, der zunehmenden Virtualisierung und Infomanisierung entgegenzusteuern. Wann haben Sie das letzte Mal einen handschriftlichen Brief verfasst? Jeder der diese Frage mit „Vor mehr als einem Jahr!“ beantworten muss, kann diesen Zeilen nicht guten Gewissens widersprechen!

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