Über den eigenen Tellerrand hinausblicken. Zur Neuformierung der Geschichtswissenschaft am Beispiel der LMU München


Hochschulpolitisch interessierte Kreise dürften des Wortes schon überdrüssig sein: Zentrum heißt das Zauberwort, welches seit einigen Jahren an der LMU München in aller Munde ist. Waren Zentren vor einigen Jahren noch fakultätslosen Zünften wie der Lehrerbildung und den Senioren (http://www.mzl.uni-muenchen.de / http://www.seniorenstudium.uni-muenchen.de) oder – aus geisteswissenschaftlicher Sicht – Orchideenfächern wie den Nanowissenschaften (http://www.cens.de) vorbehalten, so ist nun auch die Geschichtswissenschaft vom Zentrenfieber erfasst. Gewiß! Ausschlaggebend war wohl die Ansage der Hochschulleitung der LMU München, Einsparpotentiale zu benennen, welche dann eben durch Neugründungen eben solcher Zentren wieder an die Fakultäten zurückgegeben werden.

Aber was ist überhaupt ein Zentrum im LMU´schen Sinne? Da in Zentren interdisziplinäre, fakultätsübergreifende  Ressourcen – als zweite Ebene neben den Departments – gebündelt sind, stellen sie eine Art und Weise dar, die Universität horizontal zu untergliedern (zu den verschiedenen Varianten, in welche die LMU München im Laufe ihrer Geschichte gegliedert war vgl. Andreas C. Hofmann: Warum die LMU München (keine) 20 Fakultäten hat. Zur Ausdifferenzierung des Wissens an der Ludovico-Maximilianea im Spiegel der Geschichte ihrer Fakultäten, in: aventinus. Studentische Publikationsplattform Geschichte [29.05.2010], http://www.aventinus-online.de/no_cache/persistent/artikel/7838). Zentren an welchen Historiker beteiligt sind gibt es an der LMU das Münchner Zentrum für antike Welten (http://www.mzaw.uni-muenchen.de), das Zentrum für Mittelalter- und Rennaisancestudien (http://www.zmr.uni-muenchen.de), das Zentrum für Osteuropastudien, das Zentrum für Wissenschaftsgeschichte „TransFormationen des Wissens“ sowie das universitätsübergreifende Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte (http://www.mzwtg.mwn.de) sowie das vom BMBF geförderte Kompetenznetz Institutionen und institutioneller Wandel im Postsozialismus (http://www.kompost.uni-muenchen.de).

Ihnen allen ist die interdisziplinäre Verentzung mit anderen Fächern und in den Fällen der meisten Zentren auch anderen Universitäten und Forschungseinrichtungen gemeinsam. Nachdem die Gründung von Departments zu Ende des alten Jahrhunderts bereits den – teils kleinkarierten – Wildwuchs an Instituten und Seminaren eindämmte, forcierendie Zentrensgründungen eine fachübergreifende Koordination der einzelnen Forschungseinheiten. Einsames Dahinleben im Elfenbeinturm – wenn es früher überhaupt derart gewesen sein sollte – ist somit nicht mehr möglich. Die Geschichtswissenschaft wird genötigt, sich mit anderen Disziplinen zu arrangieren. Seien es nahe Fächer wie die Kunst- oder Kulturwissenschaften oder eher fernere Kollegen wie die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler: Der Mehrwert für die Forschung ist keinesfalls zu verkennen – der Mehrwert für die Lehre muss sich – abgesehen von Promotionsprogrammen – erst noch herausstellen.

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